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Erste Rede des gewählten Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Österreicherinnen und  Österreicher, and a warm welcome to the guests from abroad.

But you will excuse me, I hope, if I continue in German. Österreich hat bewegte Stunden hinter sich. Diese Wahl hat wohl niemanden in Österreich unberührt gelassen. 

Das Ergebnis ist eine umso größere Verantwortung. Eine Verantwortung für mich als zukünftigen Bundespräsidenten der Republik, aber auch, würde ich sagen, für Norbert Hofer. Ich denke, dass wir beide sehr respektvoll mit der Entscheidung des Souveräns, der Wählerinnen und Wähler in diesem Land umgehen werden. Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle Herrn Hofer meinen persönlichen Respekt und meine Anerkennung auszudrücken und, bei aller inhaltlichen Differenz, zum sehr engagierten Wahlkampf zu gratulieren.

Mein Dank gilt natürlich selbstverständlich allen Österreicherinnen und Österreichern, erstens dafür, dass sie zur Wahl gegangen sind. Und ganz besonders jenen Frauen und Männern, die mir ihre Stimme gegeben haben. Ich bedanke mich für dieses Vertrauen.

Meine Damen und Herren, in nationalen und internationalen Medien und Kommentaren wurde viel über aufgerissene Gräben in unserem Land gesprochen. Diese seien sichtbar geworden. Ich möchte das nicht dramatisieren und ich möchte auch nicht, dass es dramatisiert wird. Diese Gräben haben schon länger bestanden, und vielleicht haben wir nicht genau genug hingesehen in der Vergangenheit. Das werden wir jedenfalls aufmerksamer und genauer als bisher tun müssen.

Was aber sicher in den letzten Monaten passiert ist, ist, dass sehr viele Menschen miteinander geredet haben. Miteinander diskutiert haben. Gerungen haben. Den anderen zu überzeugen, den jeweils anderen. Und auch gestritten haben. Quer durch alle Berufe, Schichten, quer durch die Familien teilweise. Ich halte das für kein schlechtes Zeichen. Ich halte das für ein gutes Zeichen. Ein Zeichen für das politische Interesse in diesem Land.

Den Bürgerinnen und Bürgern ist Politik nicht egal. Im Gegenteil: Sie haben ein hohes Interesse und wollen aktiv mitgestalten an der Politik dieses Landes. Daher sollten wir, finde ich, das Augenmerk jedenfalls nicht nur auf die Polarisierung, soweit sie existiert, richten, sondern auf die Politisierung in diesem Land, die hohe Wahlbeteiligung, hoch auch im internationalen Vergleich, wie ich glaube, und das hohe Interesse an dieser Bundespräsidentenwahl, die so groß wie selten zuvor war, das ist doch gut. Das ist ein schönes Zeichen.

Wie im eigenen Leben wird es jetzt darauf ankommen, aus den Erfahrungen dieser Wahl, aus der Erfahrung des Wahlkampfes der letzten Wochen und Monate zu lernen. Und etwas daraus zu machen.

 Ja, sicher liegt eine Menge Arbeit vor uns. Viele Menschen in unserem Land fühlen sich offensichtlich nicht ausreichend gesehen, gehört oder beides. Und wird werden eine andere Kultur brauchen, eine andere Gesprächskultur, eine Politik, die sich nicht so sehr mit sich selbst oder der medialen Öffentlichkeit beschäftigt. Sondern mit diesen realen Fragen. Mit diesen realen Sorgen und Ängsten – und dem Zorn auch mancher Menschen in diesem Land.

Hinschauen. Gehört werden. Das ist auch eine zweiseitige Angelegenheit. Wenn ich jemandem zuhöre, dann darf ich auch erwarten, dass mir zugehört wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich habe den ganzen Wahlkampf hindurch versucht, zu werben, das Gemeinsame in Österreich vor das Trennende zu stellen. Dass wir uns gemeinsam um unsere Demokratie kümmern. Um unser Österreich, aber in all seiner Unterschiedlichkeit. In all seiner Unterschiedlichkeit der Personen und auch der Interessen.

Ich glaube, ich habe in meiner Kindheit im Tiroler Kaunertal schon gelernt, dass man sehr unterschiedlich sein kann und trotzdem gerne und respektvoll miteinander umgehen und miteinander leben kann. Und ich vermute, dass das für Österreich ganz allgemein gilt. Dass wir in den wirklich kritischen Phasen der letzten, sagen wir, 70 Jahre immer Erfolg gehabt haben, wenn wir diese Zusammenarbeit betont haben, wenn wir das Gemeinsame vor das Trennende gestellt haben – das ist meine persönliche Erfahrung aus 72 langen Lebensjahren.

Mein Ziel ist es, ein konstruktives Gegenüber zu sein. Ein Gegenüber der Bundesregierung, namentlich gegenüber dem österreichischen Parlament. Damit wir gemeinsam eine neue politische Kultur und Arbeitsweise mitprägen. Damit wir dann in sechs Jahren sagen können, wenn die Amtsperiode des Bundespräsidenten abläuft und damit in sechs Jahren möglichst alle Menschen in Österreich sagen können: Ja, mir geht es gut oder sogar besser als vor sechs Jahren. In sechs Jahren sollen möglichst alle Menschen in Österreich sagen: Meine Kinder haben eine gute Zukunft. In sechs Jahren sollen möglichst alle Menschen in Österreich sagen können: Ja, mein Blick in die Zukunft ist voller Zuversicht, voller Hoffnung.

Zu meinem Amtsverständnis: Wenn Sie die letzten fünf Monate mitverfolgt haben, werden Sie ja wissen, dass ich immer betont habe, behutsam und bedachtsam mit den Rechten und Pflichten des Bundespräsidenten umzugehen, im Sinne der Republik. Ich werde Österreich nach außen gegenüber Europa, gegenüber der Welt, bestmöglich vertreten und nach innen versuchen, das Verbindende und das Verbindliche nach vorne zu stellen.

Und natürlich will ich auch eine Art Türöffner sein, wie es schon Heinz Fischer getan hat, für die Wirtschaft im Ausland und im Interesse der Arbeitsplätze hier im Inland.

Und ich werde selbstverständlich ein überparteilicher Bundespräsident für alle Österreicherinnen und Österreicher sein. Diese Überparteilichkeit erfordert, dass ich mit heutigem Tag meine Mitgliedschaft bei den Grünen ruhend stelle. Ich möchte auch ab heute daran arbeiten, das Vertrauen der Wähler von Norbert Hofer zu gewinnen, weil es eben meine Überzeugung ist, dass gute Lösungen nur gemeinsam erarbeitet werden können.

Ich möchte dem Land und seinen Menschen dienen. Dafür wird man in der Demokratie schließlich gewählt. Und ich werde ausschließlich nach bestem Wissen und Gewissen handeln und das Wohlergehen Österreichs als oberste Handlungsmaxime betrachten. Ein Land, das viel geleistet hat in der Vergangenheit und Großartiges in der Zukunft leisten wird. 

Ich glaube auch an die Zusammenarbeit aller Menschen in diesem Land.

Erlauben Sie mir abschließend eine Bemerkung zum gestrigen Tag, zum knappen Ergebnis und diesem nahezu Fifty-Fifty-Ergebnis – diesem 50:50-Resultat. Die Nerven haben wir alle behalten.

Und man kann es auch so sehen: Das ist ein Symbol. Ein Symbol, wie es in gewisser Weise nicht klarer zu uns sprechen könnte. Nämlich: Viel war die Rede von den Trennungslinien in diesem Land. Zwischen links und rechts und Stadt und Land, zwischen innen und außen, oben und unten, alt und jung. Und was wir nicht noch alles für Trennlinien zu entdecken glaubten.

Aber ich finde, man kann den Gleichstand auch so sehen: Wir sind eben gleich. 

Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen. Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere. Ich könnte sagen: Du bist gleich wichtig wie ich und ich bin gleich wichtig wie du.

Und gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Aufmerksamkeit.
 

 

 

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